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Glauben - Vertrauen ! ?

eine offene Hand hält vorsichtig ein Kleeblatt
Datum:
30. Juli 2026
Von:
Rainer Stuhlträger

„So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt, wo Du wirst geh'n und stehen, da nimm mich mit.“

So lautet die erste Strophe eines Liedes, das sowohl in der evangelischen als auch in der katholischen Kirche bekannt ist. In den letzten Jahren habe ich den Wunsch, dieses Lied zu singen – oder singen zu lassen – seltener gehört, aber vielen Menschen „älteren Semesters“ ist es noch bekannt. Es wurde vor 164 Jahren von Julie Hausmann (1826 – 1901) gedichtet und bald darauf mit einer bereits vorhandenen Melodie aus der Feder des beliebten Komponisten Friedrich Silcher vertont. Bestimmt trugen Silchers romantische Töne zur Beliebtheit dieses Kirchenliedes bei, doch mindestens ebenso Julie Hausmanns zu Herzen gehende Worte. Ihre bildreiche Sprache tröstet in schweren Zeiten, vor allem in Zeiten der Trauer.
Am Text des Liedes gibt und gab es auch immer wieder Kritik, besonders an der 2. Strophe, wo es heißt: „Lass ruh'n zu Deinen Füßen Dein armes Kind, es will die Augen schließen und glauben blind.“ Ist das eine zeitgemäße Form des Glaubens, die Augen zu schließen und blind zu glauben? Meine Meinung dazu: nein, und doch auch: ja - es kommt auf die Situation an.
Julie Hausmann soll die Verse gedichtet haben, nachdem sie vom Tod ihres Verlobten erfuhr. Ob es tatsächlich so war, ist nicht belegt, doch spiegeln ihre Zeilen die Gefühle wider, die viele Trauernde verspüren: Man fühlt sich kraftlos, orientierungslos, hilflos, und ist froh, wenn Menschen da sind, die einen auffangen, einen an die Hand nehmen und in die Arme schließen …, die einfach da sind. Selig sind – wenn Sie mir dieses altmodische Wort gestatten – diejenigen, die solche Begleitung auch von Gott erwarten, selbst wenn sie in ihrer dunklen, schweren Zeit nichts spüren von Gott und Gottes Macht. Denn Menschen kommen, auch was die Möglichkeiten zur Begleitung Trauernder angeht, an ihre Grenzen, Gott aber ist und bleibt an unserer Seite.
Wenn Kummer und Leid an uns zerren, bietet dieses alte Lied also zeitlos Halt und Trost an. Würde man jedoch den Wunsch, blind vertrauen zu können, auf alle Glaubensdinge beziehen, wäre das fatal. Hält man es gar für einen Ausdruck festen Glaubens, die Augen zu verschließen vor allem, was fragwürdig erscheint, wird es mindestens bedenklich, wenn nicht sogar gefährlich.
Leider gibt es in den großen Religionen eine zunehmende Tendenz zum Fundamentalismus. Dieser fordert die Gläubigen auf, nicht zu hinterfragen, sondern blind zu vertrauen – nämlich dem, was die jeweiligen religiösen Führer*innen als wahren Glauben auslegen. Zweifel und Fragen werden als Unglauben ausgelegt, sogar als Sünde und erster Schritt in die Verdammnis. Dabei ist der Gott der Bibel für kritische Anfragen absolut offen, wie das Buch Hiob zeigt. (Im Koran und in den Lehren des Buddhismus und Hinduismus kenne ich mich nicht gut genug aus, um mitreden zu können, vermute aber, dass es auch dort eigentlich Spielraum für Diskussionen gibt. So erlebe ich es jedenfalls in der Zusammenarbeit mit Gläubigen anderer Religionen.)
„So nimm denn meine Hände, … führe mich.“ Ich „will die Augen schließen und glauben blind.“ Gegenüber Menschen ist das allzu oft leider nicht die richtige Einstellung. Gegenüber Gott schon.

Andrea Zarpentin
Pfarrerin der Ev. Kirchengemeinde Mettlach-Perl