Mit-Leiden statt Be-mitleiden

Der kommende Sonntag ist der fünfte Sonntag der Fastenzeit. Traditionell ist das der wichtigste Tag für das große katholische Hilfswerk Misereor. Im Rahmen seiner Fastenaktion bittet Misereor um Spenden zur Finanzierung seiner weltweiten Projekte. In diesem Jahr heißt das Leitwort „Hier fängt Zukunft an“ und im Mittelpunkt stehen Bildungsprojekte für junge Menschen in Kamerun.
Das Hilfswerk Misereor gibt es seit fast 70 Jahren. Es ist weltweit tätig und hat in den letzten Jahrzehnten Millionen Menschen bei der Gestaltung einer lebenswerten Zukunft unterstützt. Das Wort „misereor“ ist allerdings viel älter. Es ist lateinisch und bedeutet „Ich habe Mitleid“. Das Wort spricht Jesus im achten Kapitel des Markus-Evangeliums.
Hier wird die bekannte Szene der Brotvermehrung geschildert. Viele Menschen sind Jesus gefolgt, einige von weit her. Sie haben Hunger und brauchen Hilfe. Jesus bemerkt, dass viele den Weg nachhause ohne Nahrung nicht schaffen werden. Beim Blick in die Menschenmenge sagt er zu seinen Jüngern: „Misereor“ – „Ich habe Mitleid“. Dann nimmt er das Wenige, was er hat – sieben Brote und ein paar Fische – segnet sie und teilt das Essen mit den Menschen. Ein Wunder geschieht: Alle werden satt. Und es bleibt sogar noch eine ganze Menge übrig.
Die Bibelstelle zeigt sehr anschaulich, dass Liebe und Güte wachsen, wenn man sie teilt. Und noch etwas Anderes wird deutlich: Solidarität beginnt mit Mitleid. Dieser Begriff klingt in unseren Ohren etwas fragwürdig. „Ich habe Mitleid mit Dir. “ Da schwingt in der deutschen Sprache Überheblichkeit mit. Anders klingt es, wenn man sagt: „Ich leide mit Dir.“ Das ist eigentlich gemeint. Mit-Leiden statt Be-mitleiden. Wenn ich wirklich mit-leide, dann bin ich ganz nah beim Anderen. Sein Leid berührt mich innerlich, als sei ich selbst betroffen. Und dieses echte Mitleid bewegt mich dazu, etwas zu tun; vielleicht das zu teilen, was ich habe, um dem Anderen beizustehen.
Misereor – das meint: Ich lasse mich anrühren von der Not meiner Mitmenschen. Und ich versuche zu helfen, weil mir ihre Not nicht gleichgültig ist. In unserer heutigen Welt kann diese Hilfe eine finanzielle Spende sein. Oft genug ist es aber einfach die ausgestreckte Hand, das freundliche Wort oder die Zeit, die ich jemandem schenke. Echtes Mit-Leiden verändert nicht nur mich. Es hat die Kraft, die Welt zu verändern. Am Misereor-Sonntag vielleicht noch mehr als sonst.
Dr. Thorsten Hoffmann; Jugendkirche MIA
