Ein guter Freund....

Es gibt Freunde, die sind vor Ort. Man schreibt, telefoniert, sieht sich. Man teilt mit ihnen das alltägliche Geschehen, teilt Freude und Sorgen, kann sie zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten anrufen. Mit ihnen kann man jubeln, vor und mit ihnen weinen und einander in den Arm nehmen. Sie sind einfach da. Wahre Freunde. Wie gut das tut!
Und dann gibt es Freunde, die wohnen weit weg. Weil Leben, Liebe, Arbeit uns haben getrennte Wege gehen lassen. Wir telefonieren selten, vielleicht weil aus den Augen auch aus dem Sinn. Aber wenn die eine oder die andere anruft, ist es, als hätten wir uns erst gestern gesehen. Wir können sofort anknüpfen, an das, was uns verbindet.
Am vergangenen Wochenende hat mich eine solche Freundin besucht. Wir hatten tatsächlich beide frei. Es war schön. Wir waren spazieren, shoppen, haben gekocht und dann Wein und Schokolade auf der Couch geteilt. Wir haben die Vergangenheit Revue passieren lassen, uns auf den gegenseitigen Stand gebracht, haben Gegenwart und Zukunftspläne besprochen: Kinder, Liebe, Beruf, Gesundheit. Die Themen verändern sich. Wir werden älter. Was bleibt, sind Vertrauen und Beständigkeit, gemeinsam hadern und zweifeln zu können, einander zu ermutigen, zu glauben und zu hoffen, dass das Leben weiter geht. Es war ein anstrengendes, aber erfülltes Wochenende, das mir neu Kraft geschenkt hat und die Gewissheit, dass da eine Freundin ist.
Die Bibel tut sich schwer, das Wort Freund/Freundin zu benutzen. Da ist die Rede vom Nächsten, von Gefährten, von Jüngern Jesu und doch erzählt die Bibel von alten, besonderen Freundschaftsgeschichten, die sich mit meinen heutigen Erfahrungen decken.
David und Jonathan, Königssohn und Angestellter, Gleichaltrigkeit, Verstehen, eine Freundschaft, die Entfernung und Krisen überdauert.
Ruth und Naomi, Schwiegertochter und -mutter, eine Freundschaft über Generationen, über Kultur-, Alters- und Familiengrenzen hinweg, eine Freundschaft, die von Vertrauen, Zuspruch, Mut und Offenheit erzählt.
Dann sind da die vier Freunde des Gelähmten, die ihren kranken Freund gegen Hindernisse (Menschenstrom und ein Dach, das abgedeckt werden muss) ins Haus zu Jesus bringen. Sie zeigen vollen Einsatz, Überzeugung, Hoffnung.
Und schließlich ist da noch Jesus, der immer wieder zu Menschen kommt, der zuhört, der Wege mitgeht, ermutigt, neue und andere Perspektiven aufzeigt. Ein Freund, den man anrufen kann und der da ist, wenn man ihn braucht.
All diese Beschreibungen machen Freunde aus.
Solche Freunde und Weggefährten in der Fern und Nähe wünsche ich uns allen. Sie sind ein Geschenk.
"Ein guter Freund ist wie ein sicherer Zufluchtsort. Wer einen solchen Freund gefunden hat, der hat einen wahren Schatz gefunden.“ (Jesus Sirach 6,14)
Wiebke Reinhold,
Pfarrerin der Ev. Kgm. Wadern-Losheim
